Caritas Führer

Caritas Führer

'Geheimnisse im Silberschacht'

'Seite an Seite'

'Verirrt im Paradies - Erzählungen'

'KAIROS - jetzt gerade'

'Sag, dass du mein Bruder bist!'

'Die Sprache hinter den Zeichen'

'Wie im Apfel der Kern'

'ZUTRITT VERBOTEN'

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Manuela-Kinzel-Verlag
Über Caritas Führer
Caritas Führer Caritas Führer, geboren 1957 in Karl-Marx-Stadt (Chemnitz), ist gelernte Porzellangestalterin (Manufaktur Meißen) und studierte am 'Literaturinstitut Johannes R. Becher' in Leipzig. Nach ihrer Arbeit als Dozentin an einer theologisch-pädagogischen Fachschule ist sie als freischaffende Schriftstellerin tätig und engagiert sich seit Jahren in Straßenkinderprojekten. Sie ist verheiratet und Mutter von 3 Söhnen.






















































Leseprobe für das Buch ZUTRITT VERBOTEN von Caritas Führer, Fuehrer:

Ein Stern, ein verirrter, oder Madonna 913

Ich stehe vor der Tür. Heute muss ich klingeln, sonst wollte ich. Ich habe Angst. Das sagt sich so. Wozu Angst, wo alles vorbei ist. Mit der Trauer bin ich fertig geworden. Jetzt habe ich Angst ihr zu begegnen. Schubert, einmal klingeln. Ich gehorche, begegne der Mutter. So hätte Annegret ausgesehen mit fünfundvierzig, denke ich. Genau so, etwas klüger vielleicht. Auf einmal habe ich das Gefühl, A. sei dort, wo sie jetzt ist, gut aufgehoben und in Sicherheit.

"Kommen Sie herein." Ich fühle mich wie im Weggehen, trete aber über die Schwelle.

Wie sie aussah? Nicht gut, nicht schön, so immerhin, dass sie auffiel. Ich weiß das heute nicht mehr, wo mir nur noch Fotos geblieben sind, die ich anstarre, Fotos, die lebendig wirken, so, als müsse es das Mädchen in engen schwarzen Hosen immer noch geben - und immer weiter, als sei sie unverwundbar, weil jung.

Sie kam als eine der letzten die Treppe herauf zum Speisesaal. Wir saßen schon bereit zu besichtigen, was es da an Neuen zu sehen gab. Wir, das waren die vom Zweiten, die Erfahrenen, die nur noch drei Jahre Lehrzeit vor sich hatten. A. wirkte nicht groß, ich glaube, sie war einsachtundsechzig oder so. Sie kam, blieb im Eingang stehen, blickte erstaunt, und mir fiel auf, dass sie dunkle Augen hatte. Die Sommersprossen, über die sie sich so ärgerte, sah man im Zwielicht des Speisesaales noch nicht. Sie strich die schwärzlichen Locken aus der Stirn. Neben mir wettete jemand: "Die hat nach der ersten Woche ihr'n Kerl ausm Vierten, kannste wissen!"

A. trat zur Theke. Sie war die Einzige, die den Küchenfrauen Guten Abend sagte und sich für ihren Wurstteller bedankte. Ich weiß nicht genau, ob sie an diesem Abend zu unserem Tisch kam und fragte, ob hier frei sei, oder ob es ein andermal war. Kann sein, eine hat ihr erklärt, dass die Ersten ihre eigenen Tische haben, und ich habe gestritten, das sei egal und jeder könne sich setzen, wie er wolle. Kann sein, sie fragte an diesem oder einem anderen Abend, welches Lehrjahr ich sei, und ich lud sie auf mein Zimmer ein, Zimmer sechsundvierzig. Es ist egal. Aber ich weiß noch, dass ich die Erste war, die ihr sagte, dass hier keiner nach vier Jahren mit Siebenhundertfünfzig auf die Hand anfängt, dass es nicht möglich ist, schöpferisch zu arbeiten und dass der Lehrmeister ein Ekel ist, und sie sah erschrocken und ungläubig aus.

"Ich mache Ihnen einen Kaffee. Sie trinken doch Kaffee? - Gut. Wir trinken um diese Zeit keinen mehr, mein Mann und ich."

"Das ist das Foto", sagt der Vater und dreht sich zum Fenster. "Wir haben es vervielfältigen lassen", sagt die Mutter. Ich glaube nicht, dass sie nur hinausgeht, um Kaffee zu kochen. Ich bin mir sicher, sie steht in der Küche und schluchzt....


Leseprobe für das Buch Die Sprache hinter den Zeichen von Caritas Führer, Fuehrer:

Ausreise I für Eva und Gerhard

Weil die Kinder gerade zum letzten Mal in verseuchtem Wasser baden und immer einer nach ihnen schauen muss Können wir uns nicht ansehn Weil die Kisten herhalten müssen und essen zu aufwändig wäre und Tee kochen zu lange dauert Können wir uns nicht ansehn Weil wir die Streichhölzer nicht finden und die Kerzen alle verpackt sind und ohnehin die Hände zittern würden Können wir uns nicht ansehn Weil das Abschiedsgeschenk nirgends mehr reinpasst und die Kinder im Bad schrein wie am Spieß und wir uns nirgends gegenübersitzen Können wir uns nicht ansehn Weil für alles die Zeit nicht reichte und weil es ohnehin zu spät ist und wir uns aus den Augen verlieren Können wir uns nicht ansehn

Juli 1990

Grenzsituation I

Sie kommen. Türen werden verschlossen. Das Schiebegeräusch der Abteilscheiben. Hunde. Der Uniformierte mit der Leiter. Das Ehepaar gegenüber mit Identitätsbescheinigung in Klarsichtfolie. Was rummst da so? fragt das Kind und zieht seine Puppe aus. Ach nichts, sagt die Mutter. Doch, ich habs gehört. Was macht der Mann mit der Taschenlampe? Vielleicht hat er etwas verloren. Bestimmt, sagt das Kind. Meiner Puppe ist kalt. Der Stempel. Ihre Auflistung. Schweigen. Das Kind summt. Vorm Fenster die graue Wand. Sie haben keine Rückfahrkarte.

14. März 1987

Kardiogramm Schrift des Herzens in der Dunkelkammer wo mein Motor hämmert Kennst nicht die Sprache hinter den Zeichen

1997


Leseprobe für das Buch Wie im Apfel der Kern von Caritas Führer, Fuehrer:

Die ersten Schuljahre

Ein wenig durfte Miriam noch Kind sein in diesen Jahren. Gab es Probleme politischer Art, regelten die Eltern diese Dinge. Zum montäglichen Fahnenappell ging Miriam mit ihren Geschwistern. Angstvoll oder gelangweilt ließ sie ihn über sich ergehen. An außerschulischen Pionierveranstaltungen nahm sie normalerweise nicht teil. Sie versuchte ein Kind zu sein wie alle, auch wenn sie natürlich bald merkte, dass sie das nicht war und auch nie sein würde. Bei noch so großer Anstrengung nicht. Es gab noch andere Kinder, die kein Halstuch trugen, aber das bedeutete nicht, dass sie deshalb automatisch zusammengehört oder sich gar organisiert hätten. Als an einem 13. Dezember die meisten Klassenkameraden feierlich in die Pionierorganisation aufgenommen wurden, lief Miriam nach Hause, ohne das blaue Halstuch, traurig und stolz zugleich.



"Fröhlich sein und singen" Jahrgang 1962/6

Geburtstagsgruß der Thälmann- Pioniere an den Genossen Walter Ulbricht Von Walter Stranka

Wir sind die Knospen, die zu Rosen werden, wer heute lernt, wird morgen Lehrer sein. Heut sind wir Kinder, morgen Kampfgefährten, und darauf richten wir uns heut schon ein.

Der graue Wolf in Bonn, der muss begreifen: Die Welt von morgen liegt in guter Hand. Das wird ein Blühen und das wird ein Reifen, wie es die alte Erde nie gekannt.

Hab Dank für alles, was du uns gegeben, wir Pioniere gratulieren dir. Wie du zu lernen, kämpfen und zu leben, Genosse Ulbricht, das geloben wir.

Anfangs wurden die Jüngsten nur von wenigen Lehrern unterrichtet. Die mochte Miriam ausnahmslos. Nicht alle Fächer gefielen ihr, aber sie verstand, was von ihr verlangt wurde. So schrieben die Kinder in ihr Schönschreibeheft, dass die Republik Geburtstag hat. Vorher machten sie: Zehn-kleine- Zappelmänner, mit den Fingern. Sie lasen in der Fibel von bösen Agenten aus dem Westen, die sich in die sozialistischen Betriebe einschlichen und die Werktätigen bedrohten. Die Kampfgruppe der Arbeiterklasse aber, die solche Leute entlarvte und besiegte, war in ihren feschen Anzügen ins Lesebuch gemalt. In Mathe zählten die Kinder die Kühe der LPG "Roter Stern" zusammen und rechneten aus, wie viele Pioniere in jedem Jahr ins Pionierlager fuhren. Sie sangen: "Unsre Heimat" und lernten, dass die DDR ein Reiseland ist.

"Fröhlich sein und singen" Jahrgang 1960/7

Hans, der Pionierleiter, hat einen Korb voll saftiger Birnen. Erst gibt er jedem Pionier 4 Birnen und behält 44 übrig. Daraufhin lässt er sich die Früchte zurückgeben, händigt jedem Pionier diesmal 6 Birnen aus und behält nur noch 12 übrig. Wieviel Pioniere zählt die Gruppe und wieviel Birnen befanden sich insgesamt im Korb?

Einmal in der Woche stiegen sie hinauf in den Zeichensaal und malten die Friedensfahrer auf große Blätter. Das Emblem der DDR-Fahne zeichneten sie mit Wachsfarben auf A4, und im Musikunterricht lernten sie alle Strophen der "Nationalhymne" und der "Internationale". Waren sie zum Sportunterricht in der Turnhalle, lernten sie das Antreten an der Linie, "Stillgestanden!" und die darauf folgende Meldung. In Heimatkunde erforschten die Schüler die Arbeitsweise der VEB's in ihrer Stadt, und der Fleiß der Arbeiterklasse wurde ihnen bei Besuchen im Betrieb der Patenbrigade verdeutlicht. Miriam war neugierig auf alles. Sie wollte lernen und durchblicken. In ihrem Zeugnis stand, sie sei wissensdurstig und versuche, den Dingen auf den Grund zu gehen. Miriam wusste schon als Kind, dass die Möglichkeiten, sich Bildung anzueignen, nur begrenzt sein würden. Sie lernte trotzdem. Und sie las. Dem Zeichenlehrer begegnete sie mit anfänglicher Zurückhaltung. Er war Genosse. Aber er gab den Kindern Farben und Papier. Und erzählte wundervoll Geschichten. Einmal fotografierte er Miriam beim Malen nd schenkte ihr das Foto zu Weihnachten. Auf dem Bild war Miriam Linkshänder. Es war das einzige Foto im Album, das sie jemals beim Zeichnen zeigte. Und er stellte persönliche Fragen. Er wollte in Erfahrung bringen, wie viel Geld Miriams Eltern zu Weihnachten für jedes Kind ausgeben könnten. Das Mädchen überlegte eine Weile, weil sie keine Vorstellung davon hatte. Zweifelnd meinte sie dann: "Vielleicht drei Mark?" Da lächelte er. Er schenkte ihr zu Weihnachten Pinsel und einen eigenen Holzschnitt mit Widmung. Er tat das, als alle Kinder gegangen waren und Miriam ihm mit den Farbdosen geholfen hatte. Sie spürte, dass zwischen ihm und ihr etwas war, das sie mit keinem der anderen Lehrer verband. Er verriet ihr, dass echte Künstler ein Original nur an den zwei oberen Ecken mit Leim betupfen und dann festkleben. Linolschnitte signiert man mit Bleistift. Und jedes Bild gewinnt durch den passenden Rahmen, auch wenn er nur aus farbigen Pinselstrichen besteht. Eines Tages schickte er eine Zeichnung von Miriam über die Grenze, weit weg, nach Indien. Und Miriam gewann in diesem Internationalen Wettbewerb die Goldmedaille für die DDR. Ohne diesen Lehrer fuhr sie nach Berlin, begleitet von ihrer Großmutter, um den Preis in Empfang zu nehmen. Die Schule schickte einen Kollegen mit, der Miriam kaum kannte. Bei der Preisverleihung im "Haus der Kindes", die vom Außenminister vorgenommen wurde, war sie das einzige Kind ohne Pionierkleidung. Später hat ihr Kunstlehrer sie auf die Aufnahmeprüfung an der Meißner Zeichenschule vorbereitet. Jeden Samstag trafen sich beide in seiner Wohnung, und Miriam skizzierte Papierkringel und Schneckenhäuser in Perspektive, malte im Freien Knospenansätze und Apfelblüten und strichelte feine Gräser aufs Papier. Die ganze folgende Woche zeichnete sie weiter, um am Samstag wieder vor seiner Tür zu stehen. Er korrigierte die Blätter mit strengem Stift. Er klopfte Miriam auf die Schulter und gab neue Aufgaben vor. Sie bestand die Prüfung. Einer der Porzellanmaler aus der Kommission ließ unbekannterweise den Zeichenlehrer grüßen, er hätte gute Arbeit geleistet. Stolz richtete Miriam es ihm aus. "Das haben wir gemeinsam geschafft", sagte er lächelnd. Die Pfarrersfamilie ging weg. Zog um in eine andere Stadt. Miriam sah den Mann nie wieder. Er ist nach einem Unfall gestorben.

"Frösi" Jahrgang 1960/10

...eine Freunde Tipp und Topp sind ganz saubere und ordentliche Kerle, ich, Tapp, natürlich auch! Und ihr, liebe Pioniere und Schüler, selbstverständlich auch! Weil wir alle so ordentlich und sauber sind, wollen wir unserer Republik eine ganz besondere Geburtstagsüberraschung bereiten. Ab sofort werdet ihr mit unserer Hilfe und mit unseren Hinweisen der Republik ein noch prächtigeres Gewand schaffen helfen. Nun fragt ihr, wie man das anstellen könnte? Da haben sich eure Freunde Tipp, Topp und Tapp schon Gedanken gemacht. Dieses Geburtstagsgeschenk wollen wir dort anfertigen, wo ihr täglich lernt: in der Schule! Unsere Schulen sollen vor Sauberkeit glänzen, frisches Grün soll Klassen und Flure schmücken. Die schönen sauberen Schulen, in denen Disziplin und Ordnung herrschen, werden ein Prachtstück für unsere Republik sein!





Leseprobe für das Buch ZUTRITT VERBOTEN von Caritas Führer, Fuehrer:

Ein Stern, ein verirrter, oder Madonna 913

Ich stehe vor der Tür. Heute muss ich klingeln, sonst wollte ich. Ich habe Angst. Das sagt sich so. Wozu Angst, wo alles vorbei ist. Mit der Trauer bin ich fertig geworden. Jetzt habe ich Angst ihr zu begegnen. Schubert, einmal klingeln. Ich gehorche, begegne der Mutter. So hätte Annegret ausgesehen mit fünfundvierzig, denke ich. Genau so, etwas klüger vielleicht. Auf einmal habe ich das Gefühl, A. sei dort, wo sie jetzt ist, gut aufgehoben und in Sicherheit.

"Kommen Sie herein." Ich fühle mich wie im Weggehen, trete aber über die Schwelle.

Wie sie aussah? Nicht gut, nicht schön, so immerhin, dass sie auffiel. Ich weiß das heute nicht mehr, wo mir nur noch Fotos geblieben sind, die ich anstarre, Fotos, die lebendig wirken, so, als müsse es das Mädchen in engen schwarzen Hosen immer noch geben - und immer weiter, als sei sie unverwundbar, weil jung.

Sie kam als eine der letzten die Treppe herauf zum Speisesaal. Wir saßen schon bereit zu besichtigen, was es da an Neuen zu sehen gab. Wir, das waren die vom Zweiten, die Erfahrenen, die nur noch drei Jahre Lehrzeit vor sich hatten. A. wirkte nicht groß, ich glaube, sie war einsachtundsechzig oder so. Sie kam, blieb im Eingang stehen, blickte erstaunt, und mir fiel auf, dass sie dunkle Augen hatte. Die Sommersprossen, über die sie sich so ärgerte, sah man im Zwielicht des Speisesaales noch nicht. Sie strich die schwärzlichen Locken aus der Stirn. Neben mir wettete jemand: "Die hat nach der ersten Woche ihr'n Kerl ausm Vierten, kannste wissen!"

A. trat zur Theke. Sie war die Einzige, die den Küchenfrauen Guten Abend sagte und sich für ihren Wurstteller bedankte. Ich weiß nicht genau, ob sie an diesem Abend zu unserem Tisch kam und fragte, ob hier frei sei, oder ob es ein andermal war. Kann sein, eine hat ihr erklärt, dass die Ersten ihre eigenen Tische haben, und ich habe gestritten, das sei egal und jeder könne sich setzen, wie er wolle. Kann sein, sie fragte an diesem oder einem anderen Abend, welches Lehrjahr ich sei, und ich lud sie auf mein Zimmer ein, Zimmer sechsundvierzig. Es ist egal. Aber ich weiß noch, dass ich die Erste war, die ihr sagte, dass hier keiner nach vier Jahren mit Siebenhundertfünfzig auf die Hand anfängt, dass es nicht möglich ist, schöpferisch zu arbeiten und dass der Lehrmeister ein Ekel ist, und sie sah erschrocken und ungläubig aus.

"Ich mache Ihnen einen Kaffee. Sie trinken doch Kaffee? - Gut. Wir trinken um diese Zeit keinen mehr, mein Mann und ich."

"Das ist das Foto", sagt der Vater und dreht sich zum Fenster. "Wir haben es vervielfältigen lassen", sagt die Mutter. Ich glaube nicht, dass sie nur hinausgeht, um Kaffee zu kochen. Ich bin mir sicher, sie steht in der Küche und schluchzt....


Leseprobe für das Buch Die Sprache hinter den Zeichen von Caritas Führer, Fuehrer:

Ausreise I für Eva und Gerhard

Weil die Kinder gerade zum letzten Mal in verseuchtem Wasser baden und immer einer nach ihnen schauen muss Können wir uns nicht ansehn Weil die Kisten herhalten müssen und essen zu aufwändig wäre und Tee kochen zu lange dauert Können wir uns nicht ansehn Weil wir die Streichhölzer nicht finden und die Kerzen alle verpackt sind und ohnehin die Hände zittern würden Können wir uns nicht ansehn Weil das Abschiedsgeschenk nirgends mehr reinpasst und die Kinder im Bad schrein wie am Spieß und wir uns nirgends gegenübersitzen Können wir uns nicht ansehn Weil für alles die Zeit nicht reichte und weil es ohnehin zu spät ist und wir uns aus den Augen verlieren Können wir uns nicht ansehn

Juli 1990

Grenzsituation I

Sie kommen. Türen werden verschlossen. Das Schiebegeräusch der Abteilscheiben. Hunde. Der Uniformierte mit der Leiter. Das Ehepaar gegenüber mit Identitätsbescheinigung in Klarsichtfolie. Was rummst da so? fragt das Kind und zieht seine Puppe aus. Ach nichts, sagt die Mutter. Doch, ich habs gehört. Was macht der Mann mit der Taschenlampe? Vielleicht hat er etwas verloren. Bestimmt, sagt das Kind. Meiner Puppe ist kalt. Der Stempel. Ihre Auflistung. Schweigen. Das Kind summt. Vorm Fenster die graue Wand. Sie haben keine Rückfahrkarte.

14. März 1987

Kardiogramm Schrift des Herzens in der Dunkelkammer wo mein Motor hämmert Kennst nicht die Sprache hinter den Zeichen

1997


Leseprobe für das Buch Wie im Apfel der Kern von Caritas Führer, Fuehrer:

Die ersten Schuljahre

Ein wenig durfte Miriam noch Kind sein in diesen Jahren. Gab es Probleme politischer Art, regelten die Eltern diese Dinge. Zum montäglichen Fahnenappell ging Miriam mit ihren Geschwistern. Angstvoll oder gelangweilt ließ sie ihn über sich ergehen. An außerschulischen Pionierveranstaltungen nahm sie normalerweise nicht teil. Sie versuchte ein Kind zu sein wie alle, auch wenn sie natürlich bald merkte, dass sie das nicht war und auch nie sein würde. Bei noch so großer Anstrengung nicht. Es gab noch andere Kinder, die kein Halstuch trugen, aber das bedeutete nicht, dass sie deshalb automatisch zusammengehört oder sich gar organisiert hätten. Als an einem 13. Dezember die meisten Klassenkameraden feierlich in die Pionierorganisation aufgenommen wurden, lief Miriam nach Hause, ohne das blaue Halstuch, traurig und stolz zugleich.



"Fröhlich sein und singen" Jahrgang 1962/6

Geburtstagsgruß der Thälmann- Pioniere an den Genossen Walter Ulbricht Von Walter Stranka

Wir sind die Knospen, die zu Rosen werden, wer heute lernt, wird morgen Lehrer sein. Heut sind wir Kinder, morgen Kampfgefährten, und darauf richten wir uns heut schon ein.

Der graue Wolf in Bonn, der muss begreifen: Die Welt von morgen liegt in guter Hand. Das wird ein Blühen und das wird ein Reifen, wie es die alte Erde nie gekannt.

Hab Dank für alles, was du uns gegeben, wir Pioniere gratulieren dir. Wie du zu lernen, kämpfen und zu leben, Genosse Ulbricht, das geloben wir.

Anfangs wurden die Jüngsten nur von wenigen Lehrern unterrichtet. Die mochte Miriam ausnahmslos. Nicht alle Fächer gefielen ihr, aber sie verstand, was von ihr verlangt wurde. So schrieben die Kinder in ihr Schönschreibeheft, dass die Republik Geburtstag hat. Vorher machten sie: Zehn-kleine- Zappelmänner, mit den Fingern. Sie lasen in der Fibel von bösen Agenten aus dem Westen, die sich in die sozialistischen Betriebe einschlichen und die Werktätigen bedrohten. Die Kampfgruppe der Arbeiterklasse aber, die solche Leute entlarvte und besiegte, war in ihren feschen Anzügen ins Lesebuch gemalt. In Mathe zählten die Kinder die Kühe der LPG "Roter Stern" zusammen und rechneten aus, wie viele Pioniere in jedem Jahr ins Pionierlager fuhren. Sie sangen: "Unsre Heimat" und lernten, dass die DDR ein Reiseland ist.

"Fröhlich sein und singen" Jahrgang 1960/7

Hans, der Pionierleiter, hat einen Korb voll saftiger Birnen. Erst gibt er jedem Pionier 4 Birnen und behält 44 übrig. Daraufhin lässt er sich die Früchte zurückgeben, händigt jedem Pionier diesmal 6 Birnen aus und behält nur noch 12 übrig. Wieviel Pioniere zählt die Gruppe und wieviel Birnen befanden sich insgesamt im Korb?

Einmal in der Woche stiegen sie hinauf in den Zeichensaal und malten die Friedensfahrer auf große Blätter. Das Emblem der DDR-Fahne zeichneten sie mit Wachsfarben auf A4, und im Musikunterricht lernten sie alle Strophen der "Nationalhymne" und der "Internationale". Waren sie zum Sportunterricht in der Turnhalle, lernten sie das Antreten an der Linie, "Stillgestanden!" und die darauf folgende Meldung. In Heimatkunde erforschten die Schüler die Arbeitsweise der VEB's in ihrer Stadt, und der Fleiß der Arbeiterklasse wurde ihnen bei Besuchen im Betrieb der Patenbrigade verdeutlicht. Miriam war neugierig auf alles. Sie wollte lernen und durchblicken. In ihrem Zeugnis stand, sie sei wissensdurstig und versuche, den Dingen auf den Grund zu gehen. Miriam wusste schon als Kind, dass die Möglichkeiten, sich Bildung anzueignen, nur begrenzt sein würden. Sie lernte trotzdem. Und sie las. Dem Zeichenlehrer begegnete sie mit anfänglicher Zurückhaltung. Er war Genosse. Aber er gab den Kindern Farben und Papier. Und erzählte wundervoll Geschichten. Einmal fotografierte er Miriam beim Malen nd schenkte ihr das Foto zu Weihnachten. Auf dem Bild war Miriam Linkshänder. Es war das einzige Foto im Album, das sie jemals beim Zeichnen zeigte. Und er stellte persönliche Fragen. Er wollte in Erfahrung bringen, wie viel Geld Miriams Eltern zu Weihnachten für jedes Kind ausgeben könnten. Das Mädchen überlegte eine Weile, weil sie keine Vorstellung davon hatte. Zweifelnd meinte sie dann: "Vielleicht drei Mark?" Da lächelte er. Er schenkte ihr zu Weihnachten Pinsel und einen eigenen Holzschnitt mit Widmung. Er tat das, als alle Kinder gegangen waren und Miriam ihm mit den Farbdosen geholfen hatte. Sie spürte, dass zwischen ihm und ihr etwas war, das sie mit keinem der anderen Lehrer verband. Er verriet ihr, dass echte Künstler ein Original nur an den zwei oberen Ecken mit Leim betupfen und dann festkleben. Linolschnitte signiert man mit Bleistift. Und jedes Bild gewinnt durch den passenden Rahmen, auch wenn er nur aus farbigen Pinselstrichen besteht. Eines Tages schickte er eine Zeichnung von Miriam über die Grenze, weit weg, nach Indien. Und Miriam gewann in diesem Internationalen Wettbewerb die Goldmedaille für die DDR. Ohne diesen Lehrer fuhr sie nach Berlin, begleitet von ihrer Großmutter, um den Preis in Empfang zu nehmen. Die Schule schickte einen Kollegen mit, der Miriam kaum kannte. Bei der Preisverleihung im "Haus der Kindes", die vom Außenminister vorgenommen wurde, war sie das einzige Kind ohne Pionierkleidung. Später hat ihr Kunstlehrer sie auf die Aufnahmeprüfung an der Meißner Zeichenschule vorbereitet. Jeden Samstag trafen sich beide in seiner Wohnung, und Miriam skizzierte Papierkringel und Schneckenhäuser in Perspektive, malte im Freien Knospenansätze und Apfelblüten und strichelte feine Gräser aufs Papier. Die ganze folgende Woche zeichnete sie weiter, um am Samstag wieder vor seiner Tür zu stehen. Er korrigierte die Blätter mit strengem Stift. Er klopfte Miriam auf die Schulter und gab neue Aufgaben vor. Sie bestand die Prüfung. Einer der Porzellanmaler aus der Kommission ließ unbekannterweise den Zeichenlehrer grüßen, er hätte gute Arbeit geleistet. Stolz richtete Miriam es ihm aus. "Das haben wir gemeinsam geschafft", sagte er lächelnd. Die Pfarrersfamilie ging weg. Zog um in eine andere Stadt. Miriam sah den Mann nie wieder. Er ist nach einem Unfall gestorben.

"Frösi" Jahrgang 1960/10

...meine Freunde Tipp und Topp sind ganz saubere und ordentliche Kerle, ich, Tapp, natürlich auch! Und ihr, liebe Pioniere und Schüler, selbstverständlich auch! Weil wir alle so ordentlich und sauber sind, wollen wir unserer Republik eine ganz besondere Geburtstagsüberraschung bereiten. Ab sofort werdet ihr mit unserer Hilfe und mit unseren Hinweisen der Republik ein noch prächtigeres Gewand schaffen helfen. Nun fragt ihr, wie man das anstellen könnte? Da haben sich eure Freunde Tipp, Topp und Tapp schon Gedanken gemacht. Dieses Geburtstagsgeschenk wollen wir dort anfertigen, wo ihr täglich lernt: in der Schule! Unsere Schulen sollen vor Sauberkeit glänzen, frisches Grün soll Klassen und Flure schmücken. Die schönen sauberen Schulen, in denen Disziplin und Ordnung herrschen, werden ein Prachtstück für unsere Republik sein!



Leseprobe für das Buch ZUTRITT VERBOTEN von Caritas Führer, Fuehrer:

Ein Stern, ein verirrter, oder Madonna 913

Ich stehe vor der Tür. Heute muss ich klingeln, sonst wollte ich. Ich habe Angst. Das sagt sich so. Wozu Angst, wo alles vorbei ist. Mit der Trauer bin ich fertig geworden. Jetzt habe ich Angst ihr zu begegnen. Schubert, einmal klingeln. Ich gehorche, begegne der Mutter. So hätte Annegret ausgesehen mit fünfundvierzig, denke ich. Genau so, etwas klüger vielleicht. Auf einmal habe ich das Gefühl, A. sei dort, wo sie jetzt ist, gut aufgehoben und in Sicherheit.

"Kommen Sie herein." Ich fühle mich wie im Weggehen, trete aber über die Schwelle.

Wie sie aussah? Nicht gut, nicht schön, so immerhin, dass sie auffiel. Ich weiß das heute nicht mehr, wo mir nur noch Fotos geblieben sind, die ich anstarre, Fotos, die lebendig wirken, so, als müsse es das Mädchen in engen schwarzen Hosen immer noch geben - und immer weiter, als sei sie unverwundbar, weil jung.

Sie kam als eine der letzten die Treppe herauf zum Speisesaal. Wir saßen schon bereit zu besichtigen, was es da an Neuen zu sehen gab. Wir, das waren die vom Zweiten, die Erfahrenen, die nur noch drei Jahre Lehrzeit vor sich hatten. A. wirkte nicht groß, ich glaube, sie war einsachtundsechzig oder so. Sie kam, blieb im Eingang stehen, blickte erstaunt, und mir fiel auf, dass sie dunkle Augen hatte. Die Sommersprossen, über die sie sich so ärgerte, sah man im Zwielicht des Speisesaales noch nicht. Sie strich die schwärzlichen Locken aus der Stirn. Neben mir wettete jemand: "Die hat nach der ersten Woche ihr'n Kerl ausm Vierten, kannste wissen!"

A. trat zur Theke. Sie war die Einzige, die den Küchenfrauen Guten Abend sagte und sich für ihren Wurstteller bedankte. Ich weiß nicht genau, ob sie an diesem Abend zu unserem Tisch kam und fragte, ob hier frei sei, oder ob es ein andermal war. Kann sein, eine hat ihr erklärt, dass die Ersten ihre eigenen Tische haben, und ich habe gestritten, das sei egal und jeder könne sich setzen, wie er wolle. Kann sein, sie fragte an diesem oder einem anderen Abend, welches Lehrjahr ich sei, und ich lud sie auf mein Zimmer ein, Zimmer sechsundvierzig. Es ist egal. Aber ich weiß noch, dass ich die Erste war, die ihr sagte, dass hier keiner nach vier Jahren mit Siebenhundertfünfzig auf die Hand anfängt, dass es nicht möglich ist, schöpferisch zu arbeiten und dass der Lehrmeister ein Ekel ist, und sie sah erschrocken und ungläubig aus.

"Ich mache Ihnen einen Kaffee. Sie trinken doch Kaffee? - Gut. Wir trinken um diese Zeit keinen mehr, mein Mann und ich."

"Das ist das Foto", sagt der Vater und dreht sich zum Fenster. "Wir haben es vervielfältigen lassen", sagt die Mutter. Ich glaube nicht, dass sie nur hinausgeht, um Kaffee zu kochen. Ich bin mir sicher, sie steht in der Küche und schluchzt....


Leseprobe für das Buch Die Sprache hinter den Zeichen von Caritas Führer, Fuehrer:

Ausreise I für Eva und Gerhard

Weil die Kinder gerade zum letzten Mal in verseuchtem Wasser baden und immer einer nach ihnen schauen muss Können wir uns nicht ansehn Weil die Kisten herhalten müssen und essen zu aufwändig wäre und Tee kochen zu lange dauert Können wir uns nicht ansehn Weil wir die Streichhölzer nicht finden und die Kerzen alle verpackt sind und ohnehin die Hände zittern würden Können wir uns nicht ansehn Weil das Abschiedsgeschenk nirgends mehr reinpasst und die Kinder im Bad schrein wie am Spieß und wir uns nirgends gegenübersitzen Können wir uns nicht ansehn Weil für alles die Zeit nicht reichte und weil es ohnehin zu spät ist und wir uns aus den Augen verlieren Können wir uns nicht ansehn

Juli 1990

Grenzsituation I

Sie kommen. Türen werden verschlossen. Das Schiebegeräusch der Abteilscheiben. Hunde. Der Uniformierte mit der Leiter. Das Ehepaar gegenüber mit Identitätsbescheinigung in Klarsichtfolie. Was rummst da so? fragt das Kind und zieht seine Puppe aus. Ach nichts, sagt die Mutter. Doch, ich habs gehört. Was macht der Mann mit der Taschenlampe? Vielleicht hat er etwas verloren. Bestimmt, sagt das Kind. Meiner Puppe ist kalt. Der Stempel. Ihre Auflistung. Schweigen. Das Kind summt. Vorm Fenster die graue Wand. Sie haben keine Rückfahrkarte.

14. März 1987

Kardiogramm Schrift des Herzens in der Dunkelkammer wo mein Motor hämmert Kennst nicht die Sprache hinter den Zeichen

1997


Leseprobe für das Buch Wie im Apfel der Kern von Caritas Führer, Fuehrer:

Die ersten Schuljahre

Ein wenig durfte Miriam noch Kind sein in diesen Jahren. Gab es Probleme politischer Art, regelten die Eltern diese Dinge. Zum montäglichen Fahnenappell ging Miriam mit ihren Geschwistern. Angstvoll oder gelangweilt ließ sie ihn über sich ergehen. An außerschulischen Pionierveranstaltungen nahm sie normalerweise nicht teil. Sie versuchte ein Kind zu sein wie alle, auch wenn sie natürlich bald merkte, dass sie das nicht war und auch nie sein würde. Bei noch so großer Anstrengung nicht. Es gab noch andere Kinder, die kein Halstuch trugen, aber das bedeutete nicht, dass sie deshalb automatisch zusammengehört oder sich gar organisiert hätten. Als an einem 13. Dezember die meisten Klassenkameraden feierlich in die Pionierorganisation aufgenommen wurden, lief Miriam nach Hause, ohne das blaue Halstuch, traurig und stolz zugleich.



"Fröhlich sein und singen" Jahrgang 1962/6

Geburtstagsgruß der Thälmann- Pioniere an den Genossen Walter Ulbricht Von Walter Stranka

Wir sind die Knospen, die zu Rosen werden, wer heute lernt, wird morgen Lehrer sein. Heut sind wir Kinder, morgen Kampfgefährten, und darauf richten wir uns heut schon ein.

Der graue Wolf in Bonn, der muss begreifen: Die Welt von morgen liegt in guter Hand. Das wird ein Blühen und das wird ein Reifen, wie es die alte Erde nie gekannt.

Hab Dank für alles, was du uns gegeben, wir Pioniere gratulieren dir. Wie du zu lernen, kämpfen und zu leben, Genosse Ulbricht, das geloben wir.

Anfangs wurden die Jüngsten nur von wenigen Lehrern unterrichtet. Die mochte Miriam ausnahmslos. Nicht alle Fächer gefielen ihr, aber sie verstand, was von ihr verlangt wurde. So schrieben die Kinder in ihr Schönschreibeheft, dass die Republik Geburtstag hat. Vorher machten sie: Zehn-kleine- Zappelmänner, mit den Fingern. Sie lasen in der Fibel von bösen Agenten aus dem Westen, die sich in die sozialistischen Betriebe einschlichen und die Werktätigen bedrohten. Die Kampfgruppe der Arbeiterklasse aber, die solche Leute entlarvte und besiegte, war in ihren feschen Anzügen ins Lesebuch gemalt. In Mathe zählten die Kinder die Kühe der LPG "Roter Stern" zusammen und rechneten aus, wie viele Pioniere in jedem Jahr ins Pionierlager fuhren. Sie sangen: "Unsre Heimat" und lernten, dass die DDR ein Reiseland ist.

"Fröhlich sein und singen" Jahrgang 1960/7

Hans, der Pionierleiter, hat einen Korb voll saftiger Birnen. Erst gibt er jedem Pionier 4 Birnen und behält 44 übrig. Daraufhin lässt er sich die Früchte zurückgeben, händigt jedem Pionier diesmal 6 Birnen aus und behält nur noch 12 übrig. Wieviel Pioniere zählt die Gruppe und wieviel Birnen befanden sich insgesamt im Korb?

Einmal in der Woche stiegen sie hinauf in den Zeichensaal und malten die Friedensfahrer auf große Blätter. Das Emblem der DDR-Fahne zeichneten sie mit Wachsfarben auf A4, und im Musikunterricht lernten sie alle Strophen der "Nationalhymne" und der "Internationale". Waren sie zum Sportunterricht in der Turnhalle, lernten sie das Antreten an der Linie, "Stillgestanden!" und die darauf folgende Meldung. In Heimatkunde erforschten die Schüler die Arbeitsweise der VEB's in ihrer Stadt, und der Fleiß der Arbeiterklasse wurde ihnen bei Besuchen im Betrieb der Patenbrigade verdeutlicht. Miriam war neugierig auf alles. Sie wollte lernen und durchblicken. In ihrem Zeugnis stand, sie sei wissensdurstig und versuche, den Dingen auf den Grund zu gehen. Miriam wusste schon als Kind, dass die Möglichkeiten, sich Bildung anzueignen, nur begrenzt sein würden. Sie lernte trotzdem. Und sie las. Dem Zeichenlehrer begegnete sie mit anfänglicher Zurückhaltung. Er war Genosse. Aber er gab den Kindern Farben und Papier. Und erzählte wundervoll Geschichten. Einmal fotografierte er Miriam beim Malen nd schenkte ihr das Foto zu Weihnachten. Auf dem Bild war Miriam Linkshänder. Es war das einzige Foto im Album, das sie jemals beim Zeichnen zeigte. Und er stellte persönliche Fragen. Er wollte in Erfahrung bringen, wie viel Geld Miriams Eltern zu Weihnachten für jedes Kind ausgeben könnten. Das Mädchen überlegte eine Weile, weil sie keine Vorstellung davon hatte. Zweifelnd meinte sie dann: "Vielleicht drei Mark?" Da lächelte er. Er schenkte ihr zu Weihnachten Pinsel und einen eigenen Holzschnitt mit Widmung. Er tat das, als alle Kinder gegangen waren und Miriam ihm mit den Farbdosen geholfen hatte. Sie spürte, dass zwischen ihm und ihr etwas war, das sie mit keinem der anderen Lehrer verband. Er verriet ihr, dass echte Künstler ein Original nur an den zwei oberen Ecken mit Leim betupfen und dann festkleben. Linolschnitte signiert man mit Bleistift. Und jedes Bild gewinnt durch den passenden Rahmen, auch wenn er nur aus farbigen Pinselstrichen besteht. Eines Tages schickte er eine Zeichnung von Miriam über die Grenze, weit weg, nach Indien. Und Miriam gewann in diesem Internationalen Wettbewerb die Goldmedaille für die DDR. Ohne diesen Lehrer fuhr sie nach Berlin, begleitet von ihrer Großmutter, um den Preis in Empfang zu nehmen. Die Schule schickte einen Kollegen mit, der Miriam kaum kannte. Bei der Preisverleihung im "Haus der Kindes", die vom Außenminister vorgenommen wurde, war sie das einzige Kind ohne Pionierkleidung. Später hat ihr Kunstlehrer sie auf die Aufnahmeprüfung an der Meißner Zeichenschule vorbereitet. Jeden Samstag trafen sich beide in seiner Wohnung, und Miriam skizzierte Papierkringel und Schneckenhäuser in Perspektive, malte im Freien Knospenansätze und Apfelblüten und strichelte feine Gräser aufs Papier. Die ganze folgende Woche zeichnete sie weiter, um am Samstag wieder vor seiner Tür zu stehen. Er korrigierte die Blätter mit strengem Stift. Er klopfte Miriam auf die Schulter und gab neue Aufgaben vor. Sie bestand die Prüfung. Einer der Porzellanmaler aus der Kommission ließ unbekannterweise den Zeichenlehrer grüßen, er hätte gute Arbeit geleistet. Stolz richtete Miriam es ihm aus. "Das haben wir gemeinsam geschafft", sagte er lächelnd. Die Pfarrersfamilie ging weg. Zog um in eine andere Stadt. Miriam sah den Mann nie wieder. Er ist nach einem Unfall gestorben.

"Frösi" Jahrgang 1960/10

...meine Freunde Tipp und Topp sind ganz saubere und ordentliche Kerle, ich, Tapp, natürlich auch! Und ihr, liebe Pioniere und Schüler, selbstverständlich auch! Weil wir alle so ordentlich und sauber sind, wollen wir unserer Republik eine ganz besondere Geburtstagsüberraschung bereiten. Ab sofort werdet ihr mit unserer Hilfe und mit unseren Hinweisen der Republik ein noch prächtigeres Gewand schaffen helfen. Nun fragt ihr, wie man das anstellen könnte? Da haben sich eure Freunde Tipp, Topp und Tapp schon Gedanken gemacht. Dieses Geburtstagsgeschenk wollen wir dort anfertigen, wo ihr täglich lernt: in der Schule! Unsere Schulen sollen vor Sauberkeit glänzen, frisches Grün soll Klassen und Flure schmücken. Die schönen sauberen Schulen, in denen Disziplin und Ordnung herrschen, werden ein Prachtstück für unsere Republik sein!


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